Zu Besuch bei unseren Vorfahren in der Jungsteinzeit

von Ute Lesjak und Gerhard Diehl

Seit Wochen konnte man immer wieder in der lokalen Presse von den spannenden Ausgrabungen und Funden auf dem Gelände der ehemaligen Anne-Frank-Schule lesen und beim Vorbeikommen die riesigen Erdhaufen auf dem Gelände sehen. So stieg natürlich auch im Ort die Neugier bei Vielen, spätestens seitdem die Vertreter der lokalen Politik und die vierten Klassen der Heinrich-Grupe-Schule die Möglichkeit hatten, das Ausgrabungsgelände zu besuchen. Nun konnte kurz vor dem Ende der Grabungsarbeiten auch der Verein RoBiNet (Rosdorfer Bildungsnetzwerk) seine Mitglieder und weitere Interessierte zu einer Führung durch die Kreisarchäologin des Landkreises Göttingen, Frau Dr. Andrea Bulla, einladen. Innerhalb weniger Tage war die Veranstaltung erwartungsgemäß ausgebucht.

Bei herrlichem Sonnenschein begrüßte Frau Bulla am letzten Mittwoch die etwa 30 neugierigen und erwartungsvollen Rosdorferinnen und Rosdorfer. Zunächst erfuhren wir, dass es bereits in den 1960er/1970er Jahren während eines  Zeitraums von 7 Jahren archäologische Grabungen gegeben habe. Im Zusammenhang mit der Erschließung der Baugebiete im Bereich Mühlengrund, Hinter den Höfen, Knopenstieg wurden dabei Überreste von 52 Gebäuden sowie Gegenstände aus der Zeit der Linienbandkeramik (ca. 5600 bis 4900 v. Chr.) gefunden.

Nach heutigem Wissensstand entwickelte sich die Neolithische (Jungsteinzeitliche) Kulturstufe des Menschen mit dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 12.000 Jahren. Damals gingen unsere Vorfahren von der gewohnten herumwandernden Lebensweise als Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit über und wurden die ersten Bauern der Geschichte. Durch den Bau ihrer Wohnstätten entstand allmählich die früheste Form der Architektur. Die Menschen lernten, Getreide anzubauen, Tiere zu domestizieren und zu töpfern. Der besonderen linienförmigen Verzierung der gefundenen Keramik hat die „ Linienbandkeramische Kultur“ ihren Namen zu verdanken.

Nach den zurückliegenden Grabungen war abzusehen, dass bei den jetzt anstehenden Bauarbeiten weitere Funde ans Licht kommen würden. Deshalb werden entsprechend dem Denkmalschutzgesetz seit Juli erneut Grabungen auf einer Fläche von 3.200qm durchgeführt. Dabei konnten das Archäologenteam neben anderen Funden auch drei neue Gebäudegrundrisse freilegen. Die mittlerweile in Rosdorf freigelegte Siedlung gilt als die bisher größte in ganz Niedersachsen.

Das Rosdorfer Grabungsgelände liegt auf dem sog. Lössgürtel, der Europa von Frankreich bis in die Westukraine durchzieht und sich durch sehr fruchtbares Erdreich auszeichnet. Dieses ermöglichte den Menschen den Ackerbau als Grundlage ihrer Existenz. Sie machten sich das bewaldete Gebiet unserer Region zunutze, indem sie bis zu 10 Meter lange Eichenstämme entrindeten, abschwärzten und als Grundgerüst ihrer Langhäuser in bis zu 2 Meter tiefen Gruben im Boden verankerten. Und das alles ohne moderne Hilfsmittel! Als Werkzeug haben sogenannte Dechsel gedient, besondere, in Hauenform geschliffene Steine. Den Lehm zum Verputzen entnahmen sie in der Regel Gruben, die die Archäologen auch in Rosdorf direkt neben den Häusern freigelegt haben.

Wir dürfen uns jedoch hier in Rosdorf trotz allem keine Großsiedlung von 50 Häusern vorstellen, sondern es ist davon auszugehen, dass von diesen etwa 20 Meter langen und 7 Meter breiten Gebäuden nie mehr als 5 bis 6 gleichzeitig dort standen, die jeweils von ca. je 10 Menschen bewohnt wurden. Jedes Haus verfügte über einen Zwischenboden mit Lagerfläche für Getreide, Haselnüsse usw. Tiere wurden, anders wir es uns von den typisch niedersächsischen Hallenhäusern her vorstellen, wahrscheinlich außerhalb der Häuser gehalten.

Leider befinden sich die Fundstellen auf dem gerade ergrabenen Gelände des ehemaligen Schulhofs ca. 80 cm unter dem damaligen Lauf- und Fußbodenniveau der Siedlung. Dies erklärt die ungewöhnliche Fundarmut der Grabung, bei der natürlich dementsprechend weder Feuerstellen noch größere Sachfunde in Form von Scherben gemacht werden konnten. Neben den vereinzelten Fundstücken sind es also vor allem die beeindruckend regelmäßigen dunklen Flächen im Boden. Sie sind entstanden, als der umgebende dunkle Erdboden in die Löcher der verfaulten Tragpfosten gerutscht ist. Sie lassen noch heute die Größe der verschwundenen Bauwerke erahnen.

Dennoch gibt es auch in dieser Grabungssaison einige spektakuläre Funde: Wie schon in der ersten Grabungsphase vor rund 50 Jahren hat man auch dieses Mal eine Grabstelle entdeckt. Das darin gefundene Skelett eines Erwachsenen war in Hocklage bestattet, die für die linienbandkeramische Zeit typische Bestattungsform. Die damaligen „Rosdorfer“ wurden durchschnittlich 40 bis 45 Jahre alt. Daneben konnte Frau Dr. Bulla uns auch einen ganz aktuellen Fund ihres Teams präsentieren: am Tag unseres Besuchs auf dem Gelände hatte man einen Ring aus Buntmetall geborgen, der vom Durchmesser zu urteilen möglicherweise einmal den Arm eines jungen Mädchens geschmückt haben könnte.

Frau Dr. Bulla wies abschließend darauf hin, dass die Funde als Bodendenkmale fachgerecht bearbeitet und für die Nachwelt in Grabungsplänen und Zeichnungen erhalten würden. An eine spätere Ausstellung der Funde in Rosdorf ist gedacht. Wir möchten Frau Dr. Bulla ganz herzlich für die außerordentlich interessante und lehrreiche Führung über das Gelände danken. Unser Dank richtet sich auch an ihre Mitarbeiter der Firma Goldschmidt aus Düren, die wir ebenfalls mit Fragen löchern durften und die uns geduldig und freundlich Auskünfte zu ihrer Arbeit gaben. Wir alle haben diesen Nachmittag sehr genossen. Vielen Dank nochmals!

Fotos: Ralf Lesjak (mit freundlicher Genehmigung der Kreisarchäologie)

Ein Gedanke zu „Zu Besuch bei unseren Vorfahren in der Jungsteinzeit“

  1. Vor 7000Jahren gab es also schon Rosdorfer.
    Durch den fruchtbaren Lössboden hatten sie einen Überlebensvorteil gegenüber den Nomaden.
    Zumal Aldi, Lidl, Rewe und Edeka auch nicht weit weg waren.
    Das nenne ich intelligent !

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